"Yggdrasil" eine Esche oder Eibe?

  • Bild1: Ca. 1000 Jahre alte Eibe auf dem Friedhof in Beltingham England.

In der Forschung findet man häufig auch die Auffassung, dass der nordische Weltenbaum in früherer Zeit ursprünglich keine Esche, sondern eine Eibe (Taxus) gewesen sein könnte. Gerne möchte ich dieser These einmal genauer auf den Grund gehen!

Grundsätzlich  erklärt man sich die Verwandlung von der Eibe zur Esche zum Beispiel dadurch, dass beide Bäume auf Island, wo die nordischen Eddatexte abgefasst wurden, gar nicht wuchsen und die Baumarten in Unkenntnis deshalb einfach verwechselt wurden.

 Yggdrasil der Weltenbaum wird in den Eddatexten wie folgt beschrieben:

„Nahe bei diesem Tempel steht ein großer Baum, der seine Zweige weithin ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art derselbe ist, weiß niemand.“

  • Bild2: Grüne mit Reif bedeckte Eiben-Äste im Winter.

Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, IV 26, Scholion 134 

Die fast gleiche Beschreibung des Weltenbaums in der Lieder-Edda legt nahe, dass der heilige Baum zu Uppsala den mythischen Weltenbaum verkörperte. So heißt es darin über Yggdrasil:

 „Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil, ein hoher Baum […]
Immergrün steht sie über dem Brunnen der Urd.“

 Völuspá, Vers 19

  • Bild 3: Symbolische Darstellung "Yggdrasils" resp. des sogenannten Weltenbaumes oder Baum des Lebens

Die in Europa heimische Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) ist bekanntlich aber nicht immergrün! Eine sehr bekannte, einheimische, immergrüne Baumart, die in diesem Landstrich Schwedens noch wachsen konnte und mit unzähligen Mythen und Sagen behaftet ist, ist die Eibe.

 

  • Bild 4: Die Gemeine Esche (fraxinus excelsior).

    Die Eibe ist ein äußerst langlebiger Nadelbaum, vermutlich sogar der langlebigste Baum überhaupt. Er ist deshalb auch heute noch aufgrund seiner symbolischen Verbindung von Leben und Tod sehr oft als Hecke auf Friedhöfen und neben Kirchen anzutreffen. Schon die Kelten wie auch die Römer feierten Totenzeremonien in der Nähe von Eiben.

    Die ältesten heute noch vorhandenen Exemplare findet man heute deshalb ganz einfach da, wo früher die Tempel und die heiligen Stätte der sogenannten "Heiden" standen. Deren Glaube war eine Bedrohung für die Katholische Kirche und musste ausgelöscht werden. So funktionierte die frühe Inquisition. Die Heiligtümer und Heiligenstätten der Heiden wurden entweder zerstört oder annektiert und für das eigene Interesse umfunktioniert.

    • Bild 5: die über 1000Jahre alte Eibe auf dem Friedhof der St. Bartholomäus Kirche in Much Marcle, Herefordshire, England 

    Was vom alten heidnischen Glauben, bis heute noch übrig bleibt, sind der Bezug zu den für Kelten und Normannen heiligen Eiben selbst. Nebst der klassischen Friedhofshecke findet man nicht selten extrem alte Eiben meist neben Kirchen! Vor allem in England und Wales gibt es zahlreiche solche Exemplare.

    Vielfach konnten die Bäume aufgrund des "hohlen Kerns" nie 100% richtig datiert werden. Heute hat man dank neuartiger DNA-Analyse neue Möglichkeiten das Alter der Eiben zu datieren. Viele der uralten Eiben haben sich nachträglich als wesentlich älter als vorgängig angenommen herausgestellt! Über das tatsächliche Alter der Eiben ist man sich aber nach wie vor nicht ganz einig!

    • Bild 6: Der wohl älteste Baum Europas, die über 3000 Jahre alte Eibe auf dem Friedhof der St. Michaels Kirche, in Discoed, Powys, Wales (GB)

     

    Widmen wir uns nun wieder mehr der nordischen Mythologie!

    Wenn wir die 24 Runen des Futharks betrachten, stellen wir fest, dass eine Rune, die Rune 13, die EO-Rune, auch YR-Rune genannt,  dem Weltenbaum gewidmet ist.

    • Bild 7 und 8: Die 24 Runen sowie der Runenstein auf Oland in Schweden

    „Die EO-Rune führt aus verklommenen Erdtiefen hinauf in die erhabene Weite und Stille des Alls“ (Thorolf Wardle).

    • Bild 9: Darstellung der EO/YR Rune mit Eibenbaum 

    Die angelsächsischen Runensprüche sagen hierzu: „EO ist aussen ein unglatter Baum, hart, und in der Erde fest“ 

    Die norwegischen Runensprüche sagen zur EO-Rune: „YR ist der wintergrünste Baum“

    Demnach sollte es sich beim Weltenbaum um einen Nadelbaum mit rauer Rinde, hartem Holz und festen Wurzeln handeln. Dies erinnert einem doch sofort an Eiben oder etwa nicht? 

    • Bild 10: Das Wurzelwerk, dass Eiben bilden ist im Vergleich zu anderen Baumarten erstaunlich fest und komplex!

    Noch offensichtlicher heisst es in den isländischen Runensprüchen: “ YR ist gespannter Bogen, sprödes Eisen und des Pfeiles Reise“

    Hier wird es nochmal ganz deutlich, es geht um Pfeil und Bogen! Aus welchem Holz wurde dieses Jagd und Kriegsgerät über Jahrhunderte hergestellt? Könnte es also wirklich sein, dass Unachtsamkeit bei der Übersetzung oder ein Gedankenfehler dazu führte, dass die Esche das Sinnbild des Weltenbaums wurde?

    Die Eibe hat Ihre heutige Seltenheit in unseren Wäldern hauptsächlich der starken Übernutzung zur Herstellung von Waffenholz für Pfeil und Bogen, im Mittelalter zu verdanken. Kein anderes Holz war seit jeher, aber vor allem im Mittelalter so wichtig für Fortschritt und Sieg wie das Eibenholz.

    Im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich wurden die reichen Eibenbestände Deutschlands und Österreichs fast vollständig abgeholzt, so dass sie sich bis heute nie mehr erholen konnten. Es ging sogar so weit, dass die Engländer mit keinem Handelsschiff mehr handelten, dass keine Eibenrohlinge für den Bogenbau mit sich führte. Und dies sollte sich für die Engländer bezahlt machen!

    Die Engländer schlugen Frankreich im hundert jährigen Krieg klar in Unterzahl und in mehreren Schlachten nur dank Ihren, aus "deutscher Eibe" gefertigten Langbögen! 

    Lesen Sie den Artikel dazu!

     

    Aber schauen wir doch einmal ob es noch mehr Indizien für diese These gibt: 

    Im Glauben der nordischen Völker und Germanen gibt es zwei Gruppen von Göttern, die Asen und die Wanen.

    Asengötter sind z.B. Odin, Frigga, Balder.

    Wanengötter sind z.B. Ullr, Nerthus, Freyja.

    • Bild 11: Göttervater Odin mit Speer

    Den Göttern hat man jeweils, so wie auch in anderen Glauben gewisse Attribute zugeordnet. So trägt z.B der Asengott Odin einen Speer, der Wanengott Ullr hingegen Pfeil und Bogen.

    • Bild 12: Der Winter-,Jagd-, Bogen- und Eiben-Gott Ullr mit Pfeilbogen

    Die Heimat des Ullr ist (nach Grimnismal 5) Ydalir, das heisst zu deutsch „Eibental“.

    Odins Speer hingegen ist aus dem Holz der Ask, das ist Eschenholz.

    Eschen haben in jungem Alter glatte, gerade, kräftige Stämme. Schon früher stellten Menschen aufgrund der "Langfasrigkeit" des Eschenholzes Speere und Lanzen her. Auch heute noch werden die Stiele von Schaufeln, Rechen, Hämmern, Besen und anderen Werkzeugen vor allem aus Eschenholz hergestellt.

    Eibenholz hingegen ist eher bekannt für sehr zähes, hartes und trotzdem flexibles Holz, dass deshalb seit jeher für die Herstellung von Pfeilbögen verwendet wurde. Ein Eibenbogen konnte deshalb Pfeile bis auf 160Km/h beschleunigen und Ihnen damit eine ungeheure Durchschlagskraft verleihen!

    Der rund 4000 Jahre alte Gletschermann „Ötzi“ aus den Ötztaler Alpen, trug verschiedene Werkzeuge und Waffen aus Eibenholz bei sich.

    • Bild 13 und 14: Nachbildung des Gletschermanns "Ötzi" mit einem Stock aus Eibenholz und seiner Axt.

    Und auch später die Römer holzten vorzugsweise die in Germanien wachsenden Eiben ab. Und dies nur wegen ihrer Eignung zur Herstellung von Pfeilen und Bögen!

     

    Dies wurde geschichtlich auch dem heiligen Sebastian zum Verhängnis. Dieser wurde  durch Eibenbögen exekutiert. Auf der Darstellung unten ist sehr gut sichtbar dass die Langbögen mit weissem Splint sowie dem typisch rotem Kernholz aus Eibe sein müssen.

    • Bild 15: Darstellung der Hinrichtung St. Sebastians durch die Römer im Jahr 288 mittels "Tod durch Pfeilbogen" sodass er am Schluss "wie ein Igel" aussah. Gemalt zwischen 1493-1494 in Köln, Deutschland

    Dass der mythische Weltenbaum eventuell als Nadelbaum gedacht war, dafür spricht unter anderem auch die zweimalige Verwendung des Wörtchens "barr" in der Edda:

    „Vier Hirsche dringen ins Geäst [Yggdrasils] und beißen die Blätter [barr] ab.“ 

    Snorri SturlusonProsa-EddaGylfaginning 17

    „Wie heißt der Baum [barr], der die Zweige breitet über alle Länder?“

    Fjölsvinnsmál, Vers 19

    Das liegt daran, dass man altnordisch "barr" zwar mit Baum oder Blatt übersetzen kann, aber genauso gut auch mit Nadelbaum oder Nadel!

    Aus beiden Texten lässt sich interpretieren, dass es sich um einen Baum handelt, der in ganz Europa verbreitet ist (war) und häufig vorkommt.

    Nun, die Eibe ist die älteste bekannte heimische Baumart Europas und stammt aus dem Tertiär (155Mio Jahre), also gab es Sie bereits vor der Eiszeit. Dies belegen mehrere fossile Funde!

    • Bild 16: Natürliche vorkommen der Eibe heute. (1992)

    Zudem ist sie die schattentoleranteste Baumart Europas die zu früherer Zeit in allen Wäldern Mittel- und Nordeuropas, flächendeckend, unter dem sogenannten "Schirm" anderer Bäume vorkam, so wie sie dies auch heute noch tut, nur heute ist sie leider viel weniger verbreitet!

    Weiter ist die Rede von Hirschen die ins Geäst Yggdrasils dringen und sich an den Zweigen gütlich tun. Eschen werden in der Regel jedoch sehr hoch (>30m) und die Vorstellung von Hirschen die ins Geäst dringen macht wenig Sinn.

    Die Eiben jedoch, neigen auch im hohen Alter dazu, mit den Ästen bis zum Boden zu ragen!

    Aus heutiger Sicht weiss man auch, es gibt keine andere Baumart die mehr von Hirschen und Rehen verbissen wird als die Eibe! Gerade dieser Faktor macht eine natürliche Verjüngung und Wiederverbreitung der Eibe so schwierig.

    Die Vorstellung von ins Geäst drängenden Hirschen fällt einem bei einer Eibe demnach deutlich einfacher als bei einer Esche!

     

    • Bild 17: Hirsche machen sich über Eiben an der "Albiskette" im Kanton Zürich, Schweiz her!

    Hierzu ein aktueller Artikel

     

    Über den Baum Mimameid in der Lieder-Edda, den man mit Yggdrasil gleichsetzt, wird gesagt:

    «Besonders bedeutsam ist der Baum für die Frauen unter den Menschen»

    Nach einer Übersetzungsweise sind damit "kränkliche Frauen" gemeint, nach anderem Verständnis Frauen mit Schwierigkeiten beim Gebären. Mit den Früchten des Baums soll man Feuer machen und damit das aus ihnen heraustreiben, was in ihnen ist. Demnach die Krankheit oder das zu gebärende Kind. Dies erinnert wiederum viel mehr an Eiben als Eschen. Es ist weitgehend bekannt, dass die Eibe aufgrund Ihrer Giftigkeit als Heil- sowie auch Abführ- und Abtreibungsmittel verwendet wurde. 

    Weiter heisst es über den Baum Mimameid:

    „Niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst.“

     Fjölsvinnsmál, Vers 20

     Ebenfalls kann man daraus eine weitere faszinierende Eigenschaft von Eiben und nicht Eschen interpretieren. Nämlich die unglaubliche Regenerationsfähigkeit und Dauerhaftigkeit resp. Langlebigkeit der Eibe. Eschen können sehr wohl alt werden, in diesem Aspekt übertrifft die Eibe jedoch alle uns bekannten Baumarten Europas! Es wird angenommen, dass Eiben locker über 3000Jahre alt werden können. 

    • Bild 18: Eine alte Eibe bildet Astsenker zur vegetativen Verjüngung.

    Sehr interessant ist auch, dass Eiben im Verhältnis zu Anderen Bäumen Ihr Wurzelwerk viel stärker Ausbilden als andere Baumarten. Sie bilden geradezu Wurzelnetzwerke, so dass man den Eindruck erhält, Sie hätten ein Wurzel/Kronen Verhältnis von 1 zu 1- Also so wie man "Yggdrasil" seit jeher  darstellte!

    • Bild 19: Eine weitere Eibe die bestätigt "Niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst!"

    Zudem können  Eiben durch Wurzelbrut und die Bildung von Astsenkern  sowohl zusätzliche noch nicht zugängliche Nährstoffe aufnehmen, als auch eine vollständige Verjüngung des Eibenbaumes hervorrufen. Bei umgestürzten Bäumen treiben oft sofort senkrechte Äste aus. Astteile, die mit dem Boden in Berührung kommen, beginnen Wurzeln auszuschlagen. Wie oft sich dieser Prozess wiederholen kann weiss man heute noch nicht genau. Aber was wäre da wohl besser für ein Symbol von "Unsterblichkeit" geeignet wie die Eibe mit der Fähigkeit sich aus sich selbst zu verjüngen? Ist es nicht genau so, wie der Baum des Lebens, Weltenbaum oder Yggdrasil  dargestellt wurde?

    Die Eibe verkörpert wohl auch sprachlich betrachtet seit «eh» und «jeh» immerwährendes, ewiges Leben.

    Ewigkeit bedeutet auf Altnordisch „aevi“ oder Althochdeutsch „ewa“

      Das althochdeutsche “iwa“, das mittelniederdeutsche “iwa“, das angelsächsische “eow“ oder „iw“ und das englische “yew“ heissen allesamt Eibe!

    Der Name Eibe stammt wohl offensichtlich aus der gleichen Grundbedeutung, wie das Wort -Ewigkeit- dies würde in Anbetracht der einzigartigen Eigenschaften der Eiben auch vollkommen Sinn ergeben!

    Was denken Sie? Ist Yggdrasil eine Eibe oder ist es doch die Esche? 

    Lasst mich eure Meinung dazu in den Kommentaren wissen! 

    1 Kommentar

    • Definitely a yee tree. I made my rune set from yew. I’ve long thought the yew is obviously Yggdrasil. Thanks for an interesting article

      Mitchell

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